November 17

Über den Unsinn, ständig im „Hier und Jetzt“ sein zu wollen

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Über den Unsinn, ständig im "Hier und Jetzt" sein zu wollen 

Für viele ist das "Im Hier und Jetzt" sein fast schon zur Religion geworden. Eckhart Tolle, der Begründer dieser Bewegung in der westlichen Welt, wird von seinen Anhängern wie ein Prediger gefeiert. Ich habe seine Bücher vor 20 Jahren gerne gelesen und bin nach wie vor begeistert von dem uralten buddhistischen Ansatz.

"Ist das was dich beunruhigt von dem realen Ereignis ausgehend, oder sind es nur meine Gedanken, die mich in die Emotion bringen?"

Manche Tolle Anhänger scheinen aber vergessen zu haben, was uns Menschen ausmacht und von den Tieren unterscheidet. Wir haben die Fähigkeit aus der Vergangenheit zu lernen und Fehler zu vermeiden. Und wir können in die Zukunft planen - aus einem gegenwärtigen Moment heraus.

Nun gibt es Fachleute, die uns sagen, wir sollen unsere Vergangenheit aufarbeiten, das innere Kind befreien, alte Verletzungen heilen lassen, verzeihen. Andere wiederum sagen, dass wir uns klare Ziele setzen sollen. Und die dritte Gruppe sagt:

"Vergiß das Alles. Es zählt nur der Moment!"

Es gibt noch eine vierte verrückte Gruppe, die behauptet, dass alle drei Zustände erstrebenswert sind. Ja was denn nun?

Schauen wir uns das einmal genauer an:

Die Vergangenheit. 

Die Psychologen, Aufsteller, Psychotherapeuten, Psychoanalytiker lieben es in der Vergangenheit nach den Ursprüngen zu suchen, warum wir heute so sind wie wir sind. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass es mir zu einseitig ist, zu lange dauert und ich meist mehr Probleme mit nach Hause nehme, als vor der Therapie. Deswegen ist die Verhaltenstherapie und das Coaching in den letzten Jahren so erfolgreich geworden. Sie legen den Fokus auf die praktische Umsetzung und stochern nicht so lange in der Vergangenheit herum.

Menschen, die sich in der Vergangenheit suhlen und dort nur mehr die guten alten Zeiten sehen, oder sich an all das Leid erinnern, was damals passiert ist, können nicht in der Gegenwart leben. 

Das gibt es die Geschichte der zwei Männer, die im Liegewagen nach Mailand fahren. Sie kennen sich nicht. Als der, der unten schläft das Licht ausknipst und die Augen schließt, fängt der, der oben liegt zu jammern an.

"Ach, ich hab so einen Durst."

30 Sekunden Pause

"Was bin ich doch durstig."

10 Sekunden Pause

"Hätte ich doch noch etwas getrunken."

Wie er so dahin jammert, springt der, der unten liegt auf und geht etwas verärgert in den Speisewagen und holt ihm eine Flasche Wasser. Er gibt sie ihm wortlos und der, der oben liegt bedankt sich und trinkt die Flasche aus. Das Licht geht wieder aus. Es folgt noch ein mürrisches "Gute Nacht" von dem, der unten liegt und es sind nur mehr die Geräusche des Zuges zu hören. Es dauert nicht lange, da fängt der, der oben liegt an zu jammern:

"Ach, war ich doch durstig." Pause. Das Licht geht wieder an.

Was dann folgt überlasse ich Ihrer Fantasie;-)

Das Morgen

Dann gibt es jene Menschen, die auf etwas Großes warten. Auf den Karrieresprung, den nächsten Urlaub, das nächste Wochenende. Sie formulieren ständig neue Wünsche, kreieren Urlaubspläne und opfern dabei ihre Gegenwart. "Nach dem nächsten Projekt habe ich wieder mehr Zeit für die Familie." Die Hoffnung auf bessere Zeiten hinterlässt meist ein Loch in der Gegenwart.

Das Jetzt

Es ist auch kein Allheilmittel ständig im Jetzt zu leben. Grundsätzlich findet das Leben schon in der Gegenwart statt, doch die Vergangenheit und die Zukunft komplett auszuschließen ist sinnlos. Sie sind beide ständig da und wir schaffen ständig mehr davon. Dieser Satz ist bereits Vergangenheit, den Sie gerade gelesen haben. Der Wunsch, nach diesem Artikel etwas anderes zu machen, ist eine selbsterschaffene Zukunft.

Ich denke es braucht Rhythmen. Es gibt Zeiten, wo wir gerne einen Jahresrückblick halten und Zeiten, in denen wir unsere Zukunft planen. Beides hat seine Berechtigung. Für das Leben im Jetzt ist es sicherlich sinnvoll, den gegenwärtigen Augenblick - so er wirklich wichtig ist - möglichst mit allen Sinnen wahrzunehmen.

  • Das bedeutet, wenn meine Frau mir etwas erzählt, ich ihr in dem Moment genau zuhöre, was sie zu sagen hat.

  • Es bedeutet, meiner gerade mal sieben Wochen alten Tochter meine volle Aufmerksamkeit zu schenken - und sie zeigt es mir sofort, wenn ich es nicht tue;-)

  • Es bedeutet, das Mittagessen eben nicht gedankenlos herunterzuschlingen, während man auf Instagramm, facebook und Co checkt, was die "Freunde" gerade essen. Das gibt es wirklich!

  • Es bedeutet aber auch, seine Meinung zum richtigen Zeitpunkt zu sagen, auch dann, wenn sie nicht gefragt ist. Einzuschreiten und zu helfen, wenn es notwendig ist, ohne lange zu überlegen. Zivilcourage ist der Fachbegriff dafür, der für viele Menschen mittlerweile zum  Fremdwort geworden ist.

  • Gegenwärtig zu sein bedeutet, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen:  mit Humor, mit kleinen Komplimenten, spontaner Hilfe, zuhören, …

  • Im Hier und jetzt zu leben, kann bedeuten zu sich selbst zu stehen und gut zu sich zu sein.

  • Es bedeutet natürlich auch, Spaß am Leben zu haben.

Viele verwechseln das Leben im "Hier und Jetzt" mit Spaß haben, glücklich sein, einem Dauergrinsen, einem ständigen Wohlgefühl. Darin liegt wohl das größte Missverständnis.

Aus der Wahrnehmungsforschung ist bekannt, dass wir nur 5% bewusst mitbekommen. Das Eisbergmodell mit 80% unbewussten Anteilen ist übrigens bereits veraltet.

Stehen wir bei der roten Fußgängerampel neben der Strasse und sehen den Verkehr, die Fußgänger, die Fassaden und einen Mann mit einer Katze an der Leine, so fokussieren wir in dem Moment ganz stark und blenden alles andere aus.

Eine Katze an der Leine? Mitten in der Stadt?

Menschen, die überfordert sind, neigen dann zu Handlungen, die gesundheitsgefährdend sein können. Sie setzen völlig geistesabwesend einen Fuß auf die Strasse, obwohl die Ampel noch Rot ist. Die Katze hat sie völlig abgelenkt und alles andere nicht wahrnehmen lassen.

Während Sie vielleicht die Katze an der Leine vor Ihrem geistigen Bild sehen, passieren aber noch ganz viele andere Dinge, die Sie und ich überhaupt nicht mitbekommen. Und zwar auf dieser imaginären Strasse aber auch bei Ihnen zu Hause oder im Büro.

  • Nehmen Sie sich Zeit für die Vergangenheit und üben Sie sich in Dankbarkeit und Verzeihen (hier ein passender Blogbeitrag von Klaus Podirsky

  • Planen Sie zu einer passenden Zeit Ihre Zukunft. 

  • Seien Sie gegenwärtig, wenn sie mit Ihren Lieben im Austausch stehen. 

Aber vermischen Sie diese drei Zeiten nicht all zu oft. Alles Gute dabei. 


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